Das, was wir nie sein wollten

Eine schummrige Küche, spät in der Nacht. Das Licht summt leise. Auf dem Tisch stehen zwei halb leere Gläser. Die Luft ist dick vor unterdrückter Wut.

SIE: (starrt ihn fassungslos an) Meinst du das ernst? Wirklich? Du bist so ein Arsch!

ER: (nimmt einen langsamen Schluck, blickt nicht auf) Passt doch. Wie Arsch auf Eimer.

SIE: (lacht trocken auf) Wow. Das war jetzt richtig geistreich. Hast du den dir selbst ausgedacht?!

ER: (stellt das Glas ab und sieht ihr direkt in die Augen) Ich bin wenigstens ehrlich, statt mit so einer scheiß Doppelmoral zu kommen.

SIE: Achso, ich bin also diejenige, die einen auf Moralapostel macht? (Sie schnaubt ungläubig.) Was sagt denn deine Frau dazu?

ER entgegnet trocken: Dasselbe wie dein Freund.
(Er lacht spöttisch auf)
Ich tu wenigstens nicht so, als wär ich nett. Ich lüge wenigstens nicht!

SIE: (wird lauter) Oh, weil das ja um Welten besser ist!
Deine „Ehrlichkeit“ (sie macht mit den Fingern Anführungszeichen) kotzt mich so an! Du haust einfach nur raus, was dir gerade durch den Kopf geht, ohne Rücksicht auf Verluste. Du bist so ein scheiß Ego. Du interessierst dich überhaupt nicht für andere. Nur für dich.

ER: (wird ebenfalls lauter) Soweit ich mich erinnere, hast du immer alles steuern müssen und mich auflaufen lassen, wenn ich mich mehr für dich interessiert habe. Und dann war das ja auch Druck und zu viel (er äfft ihre Anführungszeichen nach) und du würdest dich bedrängt fühlen. (Wieder Anführungszeichen.)

(Er schüttelt den Kopf und ein schiefes Lächeln erscheint in seinem Gesicht.)
Ganz ehrlich: Du tust so, als wär ich hier der Böse – aber du nimmst dir doch genauso, was du willst. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Wir sitzen im selben Boot. Du tust nur so, als wärst du nicht mit eingestiegen.
(Er funkelt sie an, beugt sich vor.)
Also tu dir selbst einen Gefallen und erzähl keinen Scheiß.

SIE: (ihre Stimme zittert, sie strafft sich) Wow echt jetzt? Mein Fehler, sorry! (Sie rollt mit den Augen.) Aber klar, das waren wir beide. (Ihr Sarkasmus ist deutlich zu hören.) Nicht etwa du, der sich an mich rangeschmissen hat und unbedingt was mit mir anfangen wollte? Ich hab dich nie darum gebeten! Das ist einfach nur unfair von dir!

ER: (tritt einen weiteren Schritt auf sie zu) Das meinte ich damit: Du tust so, als wäre das nur von mir ausgegangen.
Is klar..
Wenn dir das hilft – bitte.
Aber ehrlich gesagt wissen wir beide wie es wirklich ist. Du hast das doch genauso gewollt!
(Er lacht, schüttelt den Kopf.)
Die Tatsache, dass du so ein verschissen schlechtes Gewissen mir gegenüber hast, zeigt doch, dass du genau weißt, wie es wirklich …

SIE:
(weicht nicht zurück, fällt ihm ins Wort, funkelt ihn an)
Wow. Willst du mir jetzt ein schlechtes Gewissen machen?! Ich bereue jede Sekunde, in der ich geglaubt habe, dass hinter deiner arroganten Art was Echtes steckt. Ich hätte es besser wissen müssen. Das habe ich echt nicht erwar…

ER:
Oh, komm schon. Tu doch nicht so blöd! Du hast die Aufmerksamkeit doch genossen. Du fandest es geil, die Kontrolle zu haben. Aber jetzt, wo der Preis dafür fällig wird, willst du die Rechnung nicht bezahlen?
(Es wirkt, als wollte er sie anfassen, wüsste aber nicht, wo.)
So läuft das nicht.
(Er gestikuliert mit den Armen.)
Du hast das Ticket gelöst, jetzt fahr auch die Strecke mit zu Ende.
Ich hab dir gesagt, dass ich mich interessiere.. Ich war ehrlich!
und du lässt mich einfach im Regen stehen. Weil du Angst hast. Vor uns…

SIE:
(hebt die Hand, lässt sie aber wieder sinken; ihre Augen sind feucht)
Oh Gott. Was für ein Scheiß!
Du bist ECHT das LETZTE.

(Sie dreht sich ab, doch dann wendet sie sich ihm wieder zu)
Weißt du, was das Traurigste ist?
Du bist ja sooo ehrlich und soo direkt, weil du die „hässliche Wahrheit“ aussprichst.
(Sie schnaubt.)

Aber in Wahrheit bist du nur zu feige, um jemals mehr zu sein als das. Du bist feige. (Sie tippt ihn gegen die Brust. wird laut) DU … BIST … ZU … FEIGE …, um mit mir was anzufangen und zu feige, deine Frau zu verlassen, obwohl du mich willst.
(Sie schubst ihn, aber er weicht nicht zurück. Sie funkelt ihn an.)

Musst du an mich denken, wenn du mit ihr zusammen bist? Dir vorstellen, wie es mit mir wäre?
Schließt du dabei die Augen und stellst dir vor, wie wir es miteinander treiben?

(Sie schaut ihn böse an und lacht.)
Das ist echt traurig. Aber du bist ein Schisser, der sich nicht nehmen kann, was er will.
Ich hasse dich einfach nur noch.

ER:
Klar, ich bin der Schisser hier. Völlig klar. Ach komm. Du hasst mich? Du hasst nur, was ich dir zeige.
Und ich bin der Einzige, der dich nicht anlügt. Und genau das macht dich fertig:
Ich kenn dich besser, als dir lieb ist.
(Er macht eine Pause und schaut ihr in die Augen.)
Deswegen rastest du so aus.
Aber du bist kein bisschen besser.
Kein fucking bisschen.

(Plötzlich beugt er sich vor, küsst sie kurz und heftig. Presst sich an sie. Er löst sich.
Sie starrt ihn an, dann drückt Sie heftig ihre Lippen auf seine. Ihre Hände beginnen über seinen Körper zu wandern.
Er packt sie an der Hüfte dreht sie um und drückt sie an sich, während er ihren Hals küsst.)

Er: Du meintest doch, wir verstehen uns…

Sie packt seine Haare und reißt seinen Kopf hoch: „Hör auch zu reden du blödes Arschloch.“

Fieberhaft zieht er ihr die Hose runter, reißt ihren Slip herunter und versenkt seinen Kopf in ihrem Schoß.
Sie drückt seinen Kopf gegen sich – fest, fast wütend.

Ihr Stöhnen wird tiefer, lauter, fordernder. Nicht zärtlich. Eher wie ein Trotz.
„Gott, wie du schmeckst!“
„Halt deinen Mund und mach weiter!“

Sie drückt seinen Kopf wieder in ihr Becken – fester, drängender.
Er löst sich abrupt, steht auf, sieht sie an.
Zu nah. Zu viel.
Sie drückt ihr Becken gegen seins.
„Jetzt zieh schon die Hose aus und fick mich!“
Seine Hände finden ihren Hals.
Einen Moment geht er zu weit – er merkt es.
Hört trotzdem nicht auf.
Sie werden schneller. Unruhiger. Als würde keiner nachgeben wollen.

Er dreht sie um, hebt sie hoch und zieht sie an sich.
Sie klammert sich an ihn – nicht, weil sie muss, sondern weil sie es will.

„Mehr!“, presst sie hervor.
Ihr Stöhnen wird lauter, rauer. „Härter!“ Er reagiert sofort, fast herausgefordert.
Er spürt, wie sie sich verändert, wie sie sich anspannt, sich verliert – und ihn dabei festhält.
Sie kommt, Sie beißt, kratzt, löst sich. Und sieht ihn tief in die Augen.
Direkt.
Kein Ausweichen mehr. Sie sieht ihn an und sagt seinen Namen. Und drei Worte.
Für einen Moment ist alles zu klar.
Es ist zu viel für ihn.

Beide atmen schwer. Die Küche ist ein Schlachtfeld aus verschütteten Getränken und verrückten Möbeln. Er lässt sie langsam auf die Küchenzeile gleiten. Sie steht auf. Ihre Füße berühren den kalten Boden.
Keiner sieht den anderen an. Das Licht summt immer noch. Die „Ehrlichkeit“, von der er sprach, lastet nun schwerer im Raum als zuvor. Sie fängt an, schweigend ihre Kleidung zusammenzusuchen.

ER: (leise, fast heiser, während er seine Hose anzieht)
Was jetzt? …
Wie geht es weiter?

SIE: (zieht sich das Oberteil mit zitternden Händen über, ohne ihn anzusehen)
Halt den Mund. Geh. Jetzt!

ER: (sucht verzweifelt ihren Blick)
Ist das alles?

SIE explodiert plötzlich:
Ich hab gesagt, DU SOLLST GEHEN!!!

(Sie presst sich die Hände vors Gesicht.
Ihre Kraft bricht weg.
Sie rutscht an der Küchenzeile zu Boden. Ihre Knie sind angezogen, sie wirkt plötzlich ganz klein. Verloren.)


ER: (wirkt vollkommen verunsichert, macht einen unbeholfenen Schritt auf sie zu und versucht, die Hand auf ihre Schulter zu legen):
Hey…

SIE schlägt seine Hand weg, schreit gellend:
Fass mich nicht an!
Geh einfach! Lass mich in Ruhe!


Er starrt auf seine leere Hand, die sie weggeschlagen hat. Er sieht sie am Boden kauern – ein Häufchen Elend auf den kalten Fliesen. Er öffnet den Mund, als wollte er etwas Tröstendes sagen, aber er bringt kein Wort heraus.

Er schnappt sich seine Jacke und sieht noch einmal zu ihr hinunter. Wo gerade noch Wut und dann dieses alles verzehrende Verlangen war, ist jetzt nur noch Leere.

Er geht wortlos zur Tür. An der Schwelle hält er inne und dreht sich noch einmal um. Er hört ihr leises, rhythmisches Schluchzen. Seine Augen füllen sich mit Tränen, die er mühsam zurückhält. Er steht da, wartet auf ein Zeichen. Ein Wort. Irgendetwas. Aber sie sieht nicht auf.


Man hört das Klicken des Schlosses, als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Das Geräusch hallt in der leeren Wohnung nach.

SIE bleibt allein zurück. Das einzige Geräusch im Raum ist das unerbittliche Summen der Lampe und ihr leises, ungebrochenes Weinen.